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Bergischer Panoramasteig – Etappe 3 (Biesfeld – Knochenmühle)

Bergischer Panoramasteig - Etappe 3

Bergischer Panoramasteig – Etappe 3 | Es hatte sich schon gestern angekündigt: Die Wettergötter sind mir nicht ganz so gut gewogen. Gegen sechs fallen die ersten Topfen auf mein Zeltdach. Eigentlich ein ganz heimeliges Geräusch und meine Behausung hält dicht. Aber für die 21 km von Biesfeld nach Dhünn würde ich mir dennoch eher Sonnenschein wie am ersten Tag wünschen. Ob ich erhört werde?

Übersicht Bergischer Panoramasteig – Etappe 3

Es ist nur kleines, harmloses Regenband, das über mich hinwegzieht und mir noch eine halbe Stunde im warmen Schlafsack vergönnt. Aber der Luxus hat bald ein Ende – ich will los: Bei leisem Nieselregen brühe ich meinen Kaffee auf und reibe mir den Schlaf aus den Augen, mache mich fertig für den Tag.
Das Prozedere vom Vortag wird wiederholt: Schlafsack und Isomatte einrollen, alle Habseligkeiten wasserfest in Ziplock-Beutel verpacken, verstauen, Rucksack komprimieren und aufsetzen. Es geht los und auf zum Bus, der mich wieder nach Biesfeld bringen wird, dem Startpunkt der dritten Etappe des Panoramasteigs.

Um nicht wie am Vortag hungrig loszuziehen und weil ich noch kein Frühstück hatte, führt mich der erste Weg zur kleinen Bäckerei neben dem Penny in Biesfeld. Ich werde freundlich bedient, Kaffee und Frühstücksbrötchen schmecken und die Wegverpflegung ist auch schnell bereitet. Was will man mehr?

Gestärkt und guter Dinge mache ich mich auf den steilen Zuweg zum Etappenstein von gestern und gerate schon hier ein wenig außer Puste. Was soll’s? Ich maschiere fröhlich drauf los und mache mich auf die Suche nach dem ersten Aussichtspunkt. Von hier soll man angeblich bis nach Köln sehen können. Groß ist das Heimweh zwar nicht, aber schön wäre der weite Blick allemal. Um es kurz zu machen: Ich habe ihn wohl übersehen, der Domblick muss bis daheim warten.

Durch Wälder geht es, über Wiesen und vorbei an verstreuten Gehöften. Nach etwa fünf Kilometern erreiche ich Bechen, die „Eselstadt“. Den Spitznamen hat Bechen der Sage nach daher, weil früher die Bauern ihre Waren per Esel auf die Märkte nach Köln gebracht haben. Wohl weil die lieben Tiere etwas störrisch waren, kamen die Bechener gelegentlich etwas später als üblich nach Köln. Die Kölner scheinen es gelassen genommen zu haben: „Loss mer jet waade mem koofe, die Bechener Esele sin noch nit do„.

Direkt neben dem Markt finde ich eine weitere Bäckerei mit angeschlossenem Café. Ich beschließe kurzerhand, die erste Pause einzulegen und ein spätes, zweites Frühstück einzunehmen. Die Hungertour von gestern steckt mir noch in den Knochen: Wer weiß, wann es wieder etwas gibt. Gut, ich hätte noch drei belegte Brötchen im Rucksack. Aber sicher ist sicher.

Auf zur Großen Dhünntalsperre

Die nächsten fünf Kilometer wandere ich wieder durch den Wald und über breite Wege oberhalb der Großen Dhünntalsperre. Die zweitgrößten Talsperre in Deutschland versorgt über eine halbe Million Menschen mit Trinkwasser. Das sie umgebende Trinkwasserschutzgebiet ist daher streng vom Wupperverband reglementiert. Das bekommen auch die Wanderer und Spaziergänger zur spüren: Der gesamte Uferbereich ist aus gutem Grund Sperrzone. Wenn Ihr Euch also auf ein Bad im kühlen Nass gefreut habt: Das wird hier leider nichts. Dafür entwickelt sich in der Schutzzone rund um das Ufer ein neues Ökosystem. Bedrohte Tierarten können sich hier ungestört ansiedeln und machen, was bedrohte Tierarten halt so machen.

Bald führt der Weg hinab und gibt den Blick frei auf den Damm der Vorsperre. Kein wirklich schönes Bauwerk – aber was soll’s. Dafür werde ich nach dem Stausee mit einem einer wirklich illustren Passage am Ufer entschädigt. Die Vögel singen, das Wasser glitzert in der Sonne. So geht also Natur. Muss ich mir merken…

Dhünn

Ein wenig geht es noch auf und ab, bis ich mein Etappenziel für heute erreiche. Der letzte nennenswerte Aufstieg zum Kalkenberg bring mich nochmal gehörig ins Schnaufen. Aber wie so oft: Die Aussicht über die Wiesen und Pferdekoppeln hier oben entschädigt mindestens doppelt.

Bald erreiche ich den Etappenstein, der den dritten Tag auf dem Panoramasteig besiegeln soll. Wie immer – mitten in der Pampa und wenig malerisch gelegen vor einem Möbelhaus. Wieder frage ich mich: Was habe die sich dabei gedacht? Ja, schön: Hier ist ein Parkplatz. Und sonst? Nüscht.
Da ich noch keinen Übernachtungsplatz habe, mache ich mich auf zum letzten Gefecht: Noch einige Dutzend Höhenmeter trennen mich von „Dhünn-City“. Da diesmal kein rettender Campingplatz in der Nähe ist und ich natürlich nicht vorbereitet bin (ja, das geht besser), hole ich mir erst einmal ein Bier im Supermarkt und lasse mich an der Bushaltestelle vor der Kirche nieder. Ich muss ein interessantes Bild abgeben, wie ich so auf meiner Bank sitze: Dank Bierdose eher Clochard als Wanderer und definitiv optisch irgendwie fehl am Platze im kleinen Dhünn.

Not an option…

Was folgt, nennt man wohl „innerer Dialog“. Option 1: Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. Ich hatte drei wundervolle Etappen voll Schmerz und Eleganz. Ich könnte doch einfach den Bus in die nächste Stadt nehmen und es gut sein lassen. Keine große Sache – in ein paar Stunden wäre ich wieder in Köln. Wäre. Aber das Busnetz ist hier am Wochenende halt nicht ganz so dicht gehäkelt. Später stellt sich das übrigens als fundamentale Fehleinschätzung heraus, weil ich das Konzept des Taxibus erst auf dem Eifelsteig begreife. Will sagen: Man kommt hier theoretisch doch weg – aber eben nicht mit dem normalen Bus.

Option 2: Ich nehme mir ein Hotelzimmer im Hotel zur Post. Das sieht zwar (rein subjektiv) wenig vertrauenerweckend aus, liegt direkt an der Durchgangsstraße und ist noch geschlossen, dafür aber recht günstig. Option 3: Ich beziehe nobles Quartier im Hotel zu den drei Linden. Sieht gut aus, ist aber teuer und ebenfalls noch zu. Option 4: Ich laufe weiter und schaue mal, was da noch so kommt. Guess what?

Trailangel in Dhünn

Erstmal ist aber meine Wasserflasche leer. Ich spreche also wie gehabt eine junge Frau an, die gegenüber ihrer Kehrwochen-Verpflichtung nachgeht. Von der zotteligen Gestalt überhaupt nicht beeindruckt holt sie mir nicht nur Wasser, sondern auch gleich noch eine Banane. Kurz darauf erscheint ihr Mann und bietet Kaffee an. So geht Gastfreundschaft!

Wir kommen ins Gespräch und irgendwann fällt das Wort „Knochenmühle“. Ich bin ein wenig neugierig und frage, was es damit auf sich hat. „Alte Knochenmühle, seit Jahren verlassen, streitende Erben, wunderschön gelegen“. Hmmmm. Ich will natürlich nicht sagen, dass ich im entferntesten darüber nachdenken würde, auf verlassenem Privatgrund zu übernachten ohne die Genehmigung des Besitzers zu haben. Auch, wenn es keinen stören würde und ich keinen Dreck hinterlassen würde.
Ich gehe natürlich ins Hotel.
Der folgende Part ist also rein fiktiv. Die reale Geschichte setzt erst ab Etappe 4 wieder ein (denkt Euch bitte den Konjunktiv dazu – grammatikalische Korrektheit würde den Textfluss stören). Und natürlich will ich niemanden zu irgendwas ermuntern*….

Als letzten Abschiedsgruß geben mir die beiden noch mit, dass es auf dem Weg Richtung Knochenmühle einen Forellenteich gibt, wo man samstags frischen Fisch kaufen kann (keine Fiktion).

Knochenmühle – rein fiktiv

Ich schultere also mein Bündel und mache mich auf den Weg. Kurze Zeit später treffe ich tatsächlich auf ein Schild „Frischer Fisch“. Kling vielversprechend. An einigen neugierig dreinschauenden Anglern (oder sagt man „Fischer“?) vorbei geht es zu einer kleinen Bude. „Hab Ihr noch geräucherten Fisch?“. Kurz gesagt: Die Forelle direkt aus dem Räucherofen sieht phantastisch aus….

Der Weg führt mich weiter, durch das Tal der Kleinen Dhünn bis zum Weiler Staelsmühle und weiter nach Knochenmühle. Knochenmühle – schon der Name weckt gruselige Assoziationen aus düsteren Thrillern. Hier soll ich übernachten (rein fiktiv)? Und wohnt hier wirklich keiner mehr? Natürlich nicht. Den schmutzige Vorhang im Obergeschoss hat nur der Wind bewegt. Oder?

Aus dem Gerümpel rund um den Hof schleicht eine einäugige Katze (kein Witz) hervor und beäugt neugierig den Besucher – oder vermutlich eher dessen fischige Beiladung. Desinteressiert wendet sie sich schließlich wieder spannenderen Dingen zu. Was Katzen halt so machen.

Ich sehe mir den Ort näher an: Allerorts alte Gerätschaften. Bleiche Tierschädel sind an einen alten Unterstand genagelt. Stacheldraht liegt in großen Ballen herum. Ein alter Trecker rostet still vor sich hin. Ringsum dunkler Wald, der die Abendsonne verschluckt.

Irgendwo hier im Wald muss auch das Grab von Hildegard Klingelnburg sein. 1945 fand man sie hier, eine Pistole neben der Leiche und schließlich begraben an Ort und Stelle.

Späte Besucher

Nun ja – kommen wir auf den Boden der Fakten zurück. Eine Knochenmühle war zu nichts anderem gut, als Tierknochen zu mahlen. Das Mehl der erstmals 1831 erwähnten Mühle wurde an die umliegenden Bauern als wertvoller Dünger für ihre Felder verkauft.

Die Familie die hier am Ende des Tals lebte, galt als ausgesprochen gastfreundlich. Jedenfalls berichtet mir so ein junger Mann der seinen zwei Söhnen auf dem Wanderweg auftaucht. Allerlei Geschichten kennt er, hier aufgewachsen und heute mit den Jungs auf Abenteuertour. Natürlich sind die beiden Feuer und Flamme: Tausend Dinge gibt es zu entdecken, eines gruseliger als das andere.

Nachtlager

Hinter einem großen Rhododendron baue ich mein Zelt auf und mache mich an die Forelle. Kurz schaut noch einmal die Katze vorbei, trollt sich aber bald ungnädig wieder.
Die nächsten Besucher sind ein Paar aus dem Bergischen – selbst stolze Besitzer einer alten Mühle – auf einem kleinen Abendausflug. Wieder kommen wir ins Erzählen, bis sich bald ein weiteres Paar zu uns gesellt: Senior und Sohn auf Motorrad-Tour mit Beiwagen. Gemeinsam tauschen wir unser Repertoire an Wissen über die Knochenmühle aus (inzwischen kann ich halbwegs kompetent mitreden), bis es Zeit ist für die anderen aufzubrechen – und für mich in den Schlafsack zu kriechen. Noch einmal geht der Blick auf die Vorhänge im ersten Stock – war das wirklich nur der Wind?*

Streckenverlauf Bergischer Panoramasteig – Etappe 3 – Biesfeld nach Knochenmühle

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*auch wenn der Abschnitt natürlich rein fiktiv ist: Bitte betretet niemals, niemals, niemals leerstehende Häuser. Ganz davon abgesehen, dass es verboten ist, ist die realistische Gefahr, dass ihr hier durch morsche Decken brecht oder Euch sonstwie verletzt einfach zu groß. Fiktion hin oder her: Ich selber würde in keinem Fall das Risiko eingehen, schwer verletzt und ohne Handynetz im Keller eines Abbruchhauses zu liegen.

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